“Mediale Kontrolle unter Beobachtung”: Open Access-Plattform online

Die ersten sechs Beiträge zur Tagung Neueste Medien unter Kontrolle? sind heute endlich online gegangen. Dirk Baecker, Michael Seemann, Francois Bry, Felix Schrape, Kaspar Maase und Fernand Hörner betrachten die Intervention, Steuerung und Überwachung in und durch neueste Medien aus soziologischen, diskursanalytischen, informationstechnischen, kulturwissenschaftlichen und ästhetischen Perspektiven. Sukzessive sollen am selben Ort auch die anderen Tagungsbeiträge sowie weitere Beiträge zum Thema der medialen Kontrolle erscheinen.

Die Beiträge in MKuB richten sich aus wissenschaftlicher Perspektive an ein interdisziplinäres sowie ein informiertes öffentliches Publikum. Theorie wird zielgerichtet eingesetzt, die Beiträge sollen für eine Diskussion über disziplinäre Grenzen hinweg zugänglich und anschlußfähig bleiben. Die einzelnen Beiträge haben dabei unterschiedliche Gegenstände und unterschiedlichen Umfang: Kurze aktuelle Einzelbeobachtungen, grundsätzliche Begriffsarbeit und historische und kulturelle Vergleiche gehören gleichermaßen dazu.

Die Publikation dieser Beiträge geschieht nicht nur selbstverständlich für open access, sondern nutzt auch sehr bewußt die Kommentarfunktionen dieser einfachen WordPress-Installation. Die Diskussion zwischen den Beiträgerinnen und Beiträgern hat im Dezember begonnen, sie ist aber nicht vorbei, sondern soll unter anderem hier intensiv fortgesetzt werden. Widerspruch, Ergänzungen, Nachfragen und neue Beispiele von allen Leserinnen und Lesern sind dringend erwünscht – und sehr willkommen.

Die ersten sechs Beiträge geben das Panorama wieder, zu dem sich die mediale Kontrolle unter dieser Beobachtung öffnen soll: Dirk Baeckers Grundsatzüberlegungen in seinen Sätzen über Media Control schließen an den Medienbegriff McLuhans, Luhmanns Systemtheorie und den Formenkalkül Spencer-Browns gleichermaßen an. Sie identifizieren Kontrolle im Kontext der Form des Mediengebrauchs schlechthin, machen die Reduplikation zwischen dem kontrollierten ‚medium‘ und den kontrollierenden ‚media‘ unter den Bedingungen einer differenten ‚society‘ in einer Formgleichung sichtbar und präparieren diese allgemeinen Überlegungen schließlich bis zu den konkreten Fragen an den Gebrauch von Twitter als einem nicht zufälligen Beispiel.

In ebenso grundlegender Weise reflektiert Michael Seemann seine Begriffe von Kontrolle und Kontrollverlust, indem er die Umstellung auf eine nachmoderne queryology an den Konzepten des Archivs bei Deleuze, Foucault und Derrida expliziert. Archive seien demnach spätestens jetzt nicht mehr Mittel, die Zukunft zu begrenzen, sondern werden unüberschaubarer und produktiver Komplexität unterworfen in der Weise, wie sie abgefragt und dabei an ihren Oberflächen immer wieder neu strukturiert werden.

François Bry fügt dem eine dritte fundamentale Perspektive hinzu, indem erMedienkontrolle aus technischer Sicht beschreibt. Aus dieser Sicht des Informatikers stellt sich die Titelfrage nach Beherrschen oder beherrscht werden? in einer Balance zwischen dem Mehrwert sozialer Medien, der durch eine Preisgabe eigener Informationen erst ermöglicht wird. An breit gefaßten Beispielen von algorithmisch festgestelltem sozialen Konsens über die Rasterfahndung für jedermann bis zum Versteckspiel im Schwarm diskutiert er Fragen des Gebrauchs wie des Designs sozialer Medien unter dem Gesichtspunkt ihrer Kontrolle.

Die Frage, wie neu die neuesten Medien seien und wie diese angenommene Innovation in anderen Diskursen funktionalisiert wird, untersucht Felix Schrape. Er gibt einen Überblick zu Erwartungen an Umwälzungen, die von technologischen Medienumbrüchen seit 1970 gestellt wurden, und vergleicht sie mit der empirischen Nutzung des frühen WWWs, des Btx und sozialer Medien. Die wiederkehrenden Erwartungen an interaktive Medien warnen nicht nur davor, diese mit den tatsächlichen Entwicklungen vorschnell zu identifizieren, sondern deuten auch auf den jeweiligen Mehrwert ihrer Funktionalisierungen hin, den es zu suchen gilt.

Kaspar Maase führt einen weiteren historischen Vergleich in die Diskussion ein: Er nimmt den Jugendmedienschutz im Spiegel des kaiserzeitlichen Schundkampfs zum Ausgangspunkt, um über die Differenzierung spezifisch jugendlichen Mediengebrauchs im Kampf um Medienkontrolle zu reflektieren. Im Anschluß an Margaret Mead aspektiert er das Motiv von den ‚fremden Kindern‘ neu, die in den Diskursen verschiedener Generationen durch ihren geübten Gebrauch neuer Medien als Bedrohte, als Bedrohung, und als Gegenstand von Kontrollbegehren gefaßt werden.

Die ästhetische Implementierung von Kontrolldiskursen schließlich nimmt sich Fernand Hörner vor: Jan Delays Song Ich möchte nicht, dass Ihr meine Lieder singt kann weder die Rezeption noch das Mitsingen effektiv verbieten, wendet das Verbot an seine Adressaten jedoch zur skizzierten Unterscheidung richtiger und falscher Fans, die sich auch in den Kommentaren und Rezensionen in Onlinemedien fortsetzt.

…und mit etwas Glück habe ich damit eine Talsohle zu langer ToDo-Listen überwunden und komme unter anderem auch wieder dazu, mich ab und zu um Signifying Media zu kümmern. Mal sehen.

2 Responses to ““Mediale Kontrolle unter Beobachtung”: Open Access-Plattform online”


  • Na das ist mal ein LINK (gefunden bei Twitter: @rudolfanders ) wie er in meinem Traumbuch (eines Lesers) steht: Texte ohne Kick sind des Lesers Zeit nicht würdig ! Ich danke hier schon mal im voraus allen bemühten Professores, ihre Weisheiten in aller Offenheit und verständlich (nicht trivial !) unter die Leute zu bringen: nur das könnte Aufklärung werden unter den Bedingungen der Postmoderne (alberner Ausdruck: moderner als modern geht ja gar nicht): also eben für die “nächste Gesellschaft”, die offensichtlich (fast) schon da ist. Weiter so, bitte !

  • Stephan Packard

    Danke für den freundlichen Hinweis! :) Ja, die Links waren mir zunächst ausgekommen. Jetzt sind sie wieder da. Für die Moderne kommen sie damit freilich zu spät, womit aber nicht behauptet ist, daß sie moderner wären als modern.

Comments are currently closed.